Green Finance klingt nach Zukunft. Nach Fortschritt. Nach „endlich passiert was“.
Doch wenn wir ehrlich sind: Für viele wirkt es auch wie ein Hochglanz-Versprechen, das irgendwo zwischen Werbeplakat, Fondsprospekt und schlechtem Gewissen hängt.
Banken, Versicherungen und Fondsgesellschaften bewerben nachhaltige Produkte, ESG ist zum Standardbegriff geworden und die Klimawende gilt als eine der größten Investitionsaufgaben unserer Zeit.
Doch eine entscheidende Frage bleibt oft unbeantwortet:
Was denken eigentlich die Menschen in Österreich darüber?
Wollen sie nachhaltige Finanzprodukte?
Vertrauen sie Banken und Versicherungen?
Und wären sie bereit, dafür auf Rendite zu verzichten?
Genau mit diesen Fragen hat sich der OeNB-Report („Was halten die Menschen in Österreich von Green Finance?“) beschäftigt und den schauen wir uns heute näher an.
Und die Antworten sind… spannend. Teilweise widersprüchlich. Teilweise überraschend. Aber vor allem wirken sie ehrlich.
Warum ist Green Finance überhaupt so wichtig?
Bevor wir in die Zahlen gehen, lass uns kurz klären, worum es hier eigentlich geht.
Green Finance bedeutet: Geld soll gezielt in Aktivitäten fließen, die Klima und Umwelt schützen, statt sie weiter zu zerstören.
Vielleicht hast du schon mal Begriffe gehört wie:
- ESG (steht für Environment, Social, Governance – also Umwelt, Soziales/Gesellschaftliches und verantwortungsvolle Unternehmensführung)
- nachhaltige Geldanlage
- grüne Fonds
- Impact Investing (Geldanlage, die messbar etwas bewirken soll)
Klingt gut, oder?
Aber jetzt kommt die entscheidende Frage: Glauben die Menschen in Österreich daran – oder halten sie das alles für Greenwashing?
Klimakrise? Für viele längst ein Finanzproblem!
Was mich beim Lesen richtig getroffen hat:
Eine Mehrheit glaubt, dass der Klimawandel die eigene finanzielle Lage verschlechtert.
Nicht irgendwann. Nicht abstrakt. Sondern innerhalb der nächsten Jahre. Schon nach 5 Jahren erwarten viele: Es wird finanziell schlechter. Kaum jemand glaubt, dass es dadurch besser wird.
Und ganz ehrlich: Wer einmal erlebt hat, wie Wetterextreme, Energiepreise, Sanierungskosten, Versicherungsprämien oder Lebensmittelpreise explodieren, denkt nicht mehr „das ist weit weg“.
Denn es ist auch nicht weit weg. Das ist mitten in unserem Alltag. Und ich weiß, wovon ich rede. Denn ich war mittendrin in der Hochwasserkatastrophe in Niederösterreich im Herbst 2024.
Ich bin überzeugt: Wenn Menschen die Klimakrise als Risiko für ihr Geld sehen, dann ist klar: Das Finanzsystem (& die Politik übrigens auch) darf nicht so weitermachen wie bisher. Denn genau dort wird entschieden, ob Geld in fossile Vergangenheit oder klimafitte Zukunft fließt.
Die gute Nachricht: Die Menschen sind grundsätzlich für Green Finance
Jetzt die erfreuliche Nachricht: Die Mehrheit steht nachhaltigen Finanzprodukten positiv gegenüber. Viele Menschen erwarten, dass der Finanzsektor eine aktive Rolle in der Transformation spielt.
Ein besonders markanter Wert: 70% sehen den Finanzsektor in einer besonderen Verantwortung für den Übergang zu einer CO₂-armen Wirtschaft.
Ich finde das wirklich relevant, denn diese Erwartungshaltung ist nicht bloß Konsumverhalten. Sie ist politisch und gesellschaftlich wirksam. Sie zeigt, dass Nachhaltigkeit im Finanzsystem nicht als „nice to have“, sondern als Teil gesellschaftlicher Verantwortung gesehen wird.
Das könnte man doch schon fast als einen gesellschaftlichen Auftrag sehen.
Viele sagen außerdem:
- sie bevorzugen Unternehmen mit klaren ethischen/umweltfreundlichen Standpunkten
- sie wollen, dass Banken langfristig klimaneutral werden
- sie wollen nicht, dass ihr Geld in fossile Energie fließt
Übersetzt heißt das:
Die Leute sind bereit. Sie wollen Veränderung.
Aber dann kommt der Elefant im Raum: Greenwashing
Und jetzt wird’s unbequem.
Über die Hälfte der Menschen sagt sinngemäß:
„Dieses nachhaltige Image der Finanzbranche? Das ist doch nur Marketing.“
Der Report spricht hier auch klar an: Irreführende Aussagen können Vertrauen untergraben und Vertrauen ist eine Grundvoraussetzung für stabile Finanzmärkte.
Puhh das sitzt. Und ehrlicherweise kann ich es niemanden verübeln.
Das ist ein zentraler Punkt. Denn sobald Menschen glauben, dass „grüne Finanzprodukte“ nicht wirklich grün sind, wird Green Finance nicht zum Hebel der Transformation, sondern zum Vertrauensproblem.
Wenn Green Finance zu einem „Etikettenschwindel-System“ wird, dann passiert folgendes:
- Menschen wenden sich ab
- Engagement wird Zynismus
- Hoffnung wird Frust
Und genau das ist gefährlich – nicht nur moralisch, sondern auch wirtschaftlich.
Meine klare Haltung:
Green Finance ohne echte Transparenz ist keine Lösung. Es ist ein Risiko.
Denn wer Vertrauen verspielt, zerstört die Akzeptanz für die gesamte Transformation.
Die große Lücke: Wir wollen „grün“, aber bitte ohne Nachteile
Jetzt kommt der Teil, der sehr menschlich ist.
Viele sagen: „Ja, Nachhaltigkeit ist mir wichtig.“ Das ist nicht überraschend: Solange Nachhaltigkeit abstrakt bleibt, ist Zustimmung leicht.
Aber wenn es konkret wird…
- zusätzlicher Aufwand?
- weniger Rendite?
- komplizierte Produkte?
…dann wird es schwierig.
Einige Ergebnisse aus dem OeNB-Report zeigen, dass viele bereit wären, Informationen zu suchen und sich zu informieren. Aber deutlich weniger wären bereit, Rendite zu opfern.
Und das ist keine Schwäche oder fehlende Moral! Das ist Realität und erlebe ich auch extrem oft in meinen Workshops, Vorträgen & mehr.
Denn wenn wir ehrlich sind… Wer hat in Zeiten von Inflation, Teuerung und Unsicherheit Lust, beim Investieren (was ja oft die eigene Altersvorsorge darstellen soll) extra draufzuzahlen?
Aber genau hier liegt auch der Schlüssel:
Menschen brauchen nicht mehr moralische Appelle.
Menschen brauchen Sicherheit, Klarheit und gute Produkte.
Wie groß ist die reale Nachfrage?
Da findet man im OeNB Report spannende Ergebnisse: Knapp ein Viertel zeigt Bereitschaft, sogar finanzielle Einbußen für nachhaltige Geldanlagen in Kauf zu nehmen. Gleichzeitig geben 30% an, bereits „klima- oder umweltschonende Finanzprodukte“ gewählt zu haben.
Das klingt nach einem riesigen Green-Finance-Markt. Doch der OeNB-Report relativiert das dann auch sehr schnell wieder: Diese Selbstauskunft liegt deutlich über dem realen Marktanteil nachhaltiger Finanzprodukte.
Mit anderen Worten…
Viele glauben, sie hätten „grün“ investiert, aber objektiv ist das oft nicht belegbar.
Das kann zwei Gründe haben:
1. fehlende Transparenz / Greenwashing
2. Verständnisprobleme / Begriffsverwirrung
Beides führt zu demselben Ergebnis: Die Grenze zwischen „nachhaltig“, „ESG“, „grün“, „ethisch“, „Impact“ ist für viele Menschen nicht klar.
Das größte Problem ist nicht Ablehnung, sondern Verwirrung
Was mich beim Lesen besonders beschäftigt hat..
Der Report beschreibt mehrere Widersprüche in den Antworten:
- Nachhaltige Unternehmen seien ertragreicher, aber Umweltauflagen seien vor allem ein Kostenfaktor
- Man solle nicht in fossile Energie investieren, aber gleichzeitig keine Renditeeinbußen akzeptieren
- Viele „weder noch“ / „keine Angabe“ in Kontexten, wo das schwer interpretierbar ist
Das ist kein „Beweis für Unwissen“, sondern ein Hinweis auf eine Realität: Green Finance ist für viele Menschen emotional positiv, aber inhaltlich unscharf und unklar.
Und genau hier entsteht die Lücke zwischen:
„Ich finde Nachhaltigkeit wichtig.“
„Ich treffe selbst auch nachhaltige Geldentscheidungen“
Green Finance ist schlichtweg einfach schlecht erklärt!
Der OeNB-Report zeigt aber auch deutlich, dass viele bereit sind zu lernen. Etwa die Hälfte zeigt Bereitschaft, einen gewissen Informationsaufwand zu betreiben, um sicherzugehen, dass Geldanlagen nachhaltig sind.
Das bedeutet, Menschen sind nicht passiv. Sie sind prinzipiell bereit, sich mit Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen. Und hier kommen wir zu einem Punkt, der mir persönlich extrem wichtig ist:
(Grüne & nachhaltige) Finanzbildung ist Klimaschutz & sorgt für soziale Gerechtigkeit!
Nicht, weil Menschen dann „braver“ investieren. Sondern weil Menschen dann:
- Greenwashing erkennen
- bessere Fragen stellen
- Angebote vergleichen können
- selbstbestimmt & ihren Werten entsprechend entscheiden können
Aber reine theoretische Wissensvermittlung bringt nichts. Es muss als praktische Orientierung vermittelt werden: Was bedeutet „nachhaltig“? Welche Fragen muss ich stellen? Was ist ein guter Standard?
Fazit: Green Finance hat Rückenwind. Aber nur, wenn Vertrauen und Bildung mitwachsen
Der OeNB Report zeigt ein sehr klares Stimmungsbild:
✅ Die Menschen in Österreich sind mehrheitlich offen für nachhaltige Finanzprodukte.
⚠️ Aber sie misstrauen Greenwashing und kämpfen mit Verständnisschwierigkeiten.
💡 Der entscheidende Hebel ist nicht Marketing, sondern Transparenz + Finanzbildung.
Wenn ich den Report in einem Satz zusammenfassen müsste, wäre es dieser:
Die Menschen wollen nachhaltige Finanzen, aber sie wollen echte Nachhaltigkeit, keine Show.
Green Finance wird nur dann ein echtes Werkzeug für die Klimawende, wenn:
- Transparenz steigt
- Greenwashing sanktioniert wird
- Finanzprodukte verständlicher werden
- und Menschen lernen, wie man nachhaltige Angebote erkennt
Was du JETZT tun kannst (ganz konkret)
Ich will nicht, dass du diesen Artikel liest und dann denkst: „Ja eh. Und jetzt?“
Und wenn du mich schon länger kennst, dann weißt du bereits, dass ich immer möglichst praxisnahe Einblicke geben möchte, wie du ins Tun kommen kannst.
Darum hier 5 konkrete Schritte, die du heute machen kannst:
1. Frage bei deiner Bank nach: „Wie fossilfrei sind meine Produkte wirklich? Habt ihr zertifizierte nachhaltige Konten?“
2. Achte auf Gütesiegel und Standards:
z.B. Österreichisches Umweltzeichen oder EU-Offenlegungsinfos
3. Lass dir erklären, was ESG bedeutet
und was nicht (ESG-Investments sind nicht automatisch Impact!)
4. Schau, ob dein Geld mit deinen Werten zusammenpasst
(das ist kein Luxus – das ist Selbstbestimmung)
5. Sprich darüber.
Green Finance wird nur besser und wirkungsvoller, wenn Menschen beginnen, Fragen zu stellen.
Wenn du dich mit anderen zu dem Thema austauschen möchtest, dann komm gerne zu einem unserer nächsten Community Calls. Nimm Fragen mit & fang an, es zu einer Normalität zu machen über Geld und dessen Wirkung zu sprechen.
